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(c) 2009 AnthroLanz

Medizinische Sektion der Freien Hochschule

Anafonesis – Geführtes Tönen von Annette und Fritz Helmut Hemmerich, Hygias-Edition (Libri-BoD), 2006 ISBN 3-8334-5107-6

von Marianne Altmeier, Medizinische Sektion der Freien Hochschule in Dornach



„...die Voraussetzung schaffen dafür, dass er eingeladen wird zu erklingen.“

Als ich im Programm des Centro de Terapia Antroposófica auf Lanzarote „Geführtes Tönen“ las, dachte ich an Tönen mit Klangschalen oder an das Suchen des eigenen Tones. Es interessierte mich unmittelbar und ich wollte es in den drei Wochen meines Erfahrungsaufenthaltes dort kennen lernen. Mit interessierter Offenheit ging ich an drei Morgenden jede Woche zu dieser Therapie, die mir völlig neue Erfahrungsräume öffnete.

Nach gründlicher Vorbereitung von Körperhaltung und Atemführung beginnen wir mit dem Tönen. Ist es eine Art Sprachgestaltung der Singstimme? Ist es eine Wahrnehmungsschulung der Leibbewegungen der Laute, bevor sie als Klang oder Eurythmie in Erscheinung treten?
Am Anfang tönen wir den Laut M. Ich habe den Eindruck, dass sich die gesamte Mundhöhle erweitert und ich das M mit seiner Helligkeit, Dunkelheit, Gepresstheit und Weichheit um den Kopf herum erlauschen, ja es auch modifizieren kann.
Das F blasen wir im Sitzen und im Stehen auf einen langen Ausatemstrom mit der Empfindung einer entspannenden Vertiefung des Bauchraumes. Wir wechseln zum Tönen des S. Welch ein Kontrast! Nacken- Rücken- und Gesäßmuskulatur straffen sich. Ich erlebe mich wie von hinten gerafft. Nach dem Loslassen dieser Straffung entsteht Wohlgefühl im Leib.
Dann mache ich Erfahrungen mit dem Laut H. Wir prüfen beim Blasen des F und beim Hauchen des H deren unterschiedliche Wärmeverhältnisse und ertasten die unterschiedlichen Luftgebärden der beiden Laute: die ausströmende Flächigkeit des F und den umhüllenden Wärmemantel des H. Dann werden die ertasteten Konsonanten mit den Vokalen A und O in Verbindung gebracht und plötzlich erlebe ich eine Öffnung zwischen den Schulterblättern und das erste mal den Impuls zum erneuten Einatmen wie von hinten durch diese selbst geschaffene Öffnung hindurch pulsierend. Belebt und leicht gehe ich in meinen Tag.
In den folgenden Therapiestunden werden die Übungen wiederholt, weitergeführt und subtil differenziert. Weitere Laute treten hinzu und werden ebenso behutsam und sorgfältig im eigenen Experiment erarbeitet, in dem sich meine festen Körpergrenzen zu lösen und zu erweitern scheinen. Ich empfinde den Atem beim Tönen des H als von vorne in diese erweiterte sanfte Grenze eintreten und durch meine Brustmitte hindurch strömend. In diesen Augenblick hinein schiebt sich das Wort „ich bin die Tür“ und im nächsten Augenblick verläßt der Atemstrom durch die nach hinten erweiterte sanfte Grenze den Tonraum. -- Für mich war dies der unerwartetste und erstaunlichste Augenblick beim Geführten Tönen, an den ich mit Wärme zurückdenke.
Hatten sich diese architektonisch fassbaren, unsichtbaren, aber erlebbaren Tonräume gebildet durch das Dehnen des Leibes bei der Körperhaltung, die Belüftung beim Tönen, das Bewusstmachen beim Wahrnehmen? Wurden sie erst durch das Tönen aufgeschlossen für die Laute, für mich?
Durch die Übungen beim Geführten Tönen hatten sich nicht nur Tonräume gebildet, sondern auch Fragen zu dieser neuen Therapieform. Zum rechten Zeitpunkt bekam ich Band 1 von Anafonesis-Geführtes Tönen von Annette und Fritz Helmut Hemmerich in die Hand. Die klaren und bildhaften Vorbereitungs- und Übungsanleitungen dieses Einführungsbandes sind auch ohne Vorerfahrung nachzuvollziehen. Wertvoll für die Eigenversuche sind die Einschiebungen im Text, die den Leser aufmerksam machen auf verschiedene Phänomene und Wirkungen. Die Zeichnungen zur menschlichen Gestalt sind eine Anleitungshilfe und Orientierung für die Körperhaltung beim Üben. Eine Bestätigung meiner Raumerlebnisse beim Geführten Tönen stellen für mich die architektonischen Zeichnungen zu den Vokalen dar. Außerdem sind sie ein ästhetischer Genuss. Die Graphiken der Audiospektrogramme visualisieren die für die einzelnen Laute typischen Muster der Frequenzverteilung beim Tönen.
Das Buch ist nicht spektakulär und bis zum Ausblick das, als was es dargestellt wird: Basislektionen. Dem mitvollziehenden Leser sind bis zum letzten Kapitel eine Menge Fragen gewachsen, die dann im Kapitel Ausblick und im großen Anhang eine Fülle von Erklärungen, Hinweisen, Querverbindungen, Antworten bekommen.
Diejenigen, die das Geführte Tönen interessiert und die mit Forschergeist und Künstlerhaltung mit Selbstversuchen beginnen möchten, ist dieses Buch zu empfehlen. Im Hervorbringungsprozess des Geführten Tönens kann man sich als gestaltender Baumeister der eigenen Tonräume – und darüber hinaus auch in weiteren seelischen Bereichen - erfahren, denn „die Verwirklichung einer gestaltbildenden Kraft schafft eine größere Wahrscheinlichkeit, dass sie in einem anderen Zusammenghang ebenfalls wirksam wird (S.52)“.